Innovationen aus der Medizin: Der Stabilisator

spiegel.de, 5.01.2015

von Christian Heinrich

Die Blutvergiftung ist die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Mithilfe eines neuen, zylinderförmigen Apparates könnten Ärzte möglicherweise mehr Menschen retten. Folge eins unserer Serie über medizinische Innovationen.

Es ist ein kleiner Zylinder, halb so lang wie ein Unterarm, der dem Patienten das Leben gerettet haben könnte. Der knapp 50-jährige Mann wird im Sommer in München in die Notaufnahme des Klinikums Großhadern eingeliefert, er hat eine schwere Bauchfellentzündung. Ein Abschnitt des Dünndarms ist eingerissen und die Darmflüssigkeiten sind in den Bauchraum ausgetreten.

Die Entzündung geht auf den ganzen Kreislauf über, Sepsis heißt das in der Fachsprache. Diese Ausbreitung der Erreger ist lebensgefährlich, weil sie im Körper überallhin gelangen können, und weil das eigene Immunsystem überreagiert: Nach und nach werden die eigenen Organe lahmlegt. Jeden Tag sterben statistisch gesehen 162 Menschen an einer Sepsis, weil sich die Krankheit vielen Behandlungsansätzen entzieht.

Um das zu verhindern, wird das Blut des Münchner Patienten durch eine zylinderförmige Konstruktion namens Cytosorb umgeleitet – ähnlich wie bei einer Dialyse. Das Gerät von der US-amerikanischen Firma Cytosorbents bindet einige der Stoffe, die für die überschießende Immunreaktion im Körper verantwortlich sind, vor allem die sogenannten Zytokine. Diese Botenstoffe filtert Cytosorb aus dem Blut heraus, wodurch wichtige Zeit überbrückt werden könnte.

Was hat dem Mann das Leben gerettet?

Der Mann in München bleibt bis zur Operation stabil, danach erholt er sich rasch. „Ob allerdings Cytosorb dem Patienten das Leben gerettet hat oder ob er nicht vielleicht auch so überlebt hätte, wissen wir nicht“, sagt der anästhesiologische Oberarzt Michael Zoller, der den Mann mit betreut hat. „Gerade in der Intensivmedizin spielen so viele Faktoren eine Rolle, dass man kaum von der einen lebensrettenden Komponente sprechen kann.“ Zoller, der Cytosorb bereits mehrere Dutzend Mal angewendet hat, ist davon überzeugt, dass das System es Ärzten ermöglicht, die Kontrolle über den Zustand eines schwer kranken Patienten ein Stück weit zurückzugewinnen.

An einer Sepsis sterben in Deutschland fast 60.000 Menschen jährlich, nach dem Herzinfarkt ist sie die dritthäufigste Todesursache. Dafür wird das Phänomen überraschend wenig in der Öffentlichkeit diskutiert. Das liegt zum Teil daran, dass die Sepsis erst eine Folge schwerer Traumata oder Entzündungen ist – diese ursprünglichen Erkrankungen stehen meist im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Wenn der Körper dann aber plötzlich überreagiert, sind die Patienten schnell in Lebensgefahr.Die Immunabwehr wieder an die Zügel nehmen„Das große Problem ist, dass wir der körpereigenen, überschießenden Entzündungsreaktion bisher wenig entgegensetzen können“, sagt der Mediziner Karl Träger, der an der Universitätsklinik Ulm eine herzchirurgische Intensivstation leitet. Auch er hat die Cytosorb-Technologie schon angewendet. Seine Erfahrung bisher: „Kreislauf und Herzfunktion der Patienten stabilisiert sich schneller, die Zytokinwerte im Blut sinken innerhalb von zwölf bis 24 Stunden stark ab“, sagt Träger. „Mithilfe des Geräts können wir die außer Kontrolle geratene immunologische Abwehr wieder an die Zügel nehmen.“Das klingt vielversprechend, aber niemand kann sicher sagen, was Cytosorb noch aus dem Blut holt. Bindet das Gerät womöglich auch andere Stoffe, die lebenswichtig sind? Darauf gibt es zwar bislang keine Hinweise, doch offenbar bleiben ein paar wenige Antibiotikasorten in dem Adsorber hängen. Das könnte lebensnotwendige Therapien blockieren.Dementsprechend wichtig ist es, die Antibiotika zu erfassen. „Es wurde mittlerweile ein Register eingerichtet, um die Wirkung von Cytosorb besser zu studieren“, sagt Träger. In Deutschland wird das Gerät in 50 Kliniken angewendet, seit 2011 ist es in Europa zugelassen. Nur bei einigen wenigen Patienten hat die Therapie offenbar keine Wirkung gezeigt.

Fallstudien machen Hoffnung

Wenn sich das Gerät weiter bewährt, könnte es bei aufwendigen Operationen wie etwa bei schwierigen Herz-OPs zum Schutz vor Komplikationen oder einer Sepsis gegeben werden, es könnte bei ausgewählten Intensivpatienten wirksam sein oder nach Unfällen. Die US-Army prüft derzeit den Einsatz des Geräts bei komplexen Traumata mit Multiorganversagen.

Doch so weit ist die Entwicklung noch nicht. Erst wenn in einer großen Studie ein positiver Effekt auf die Überlebenswahrscheinlichkeit der Patienten gezeigt werden kann, hätte das Gerät eine Chance, standardmäßig eingesetzt zu werden. Die Reihe von bislang veröffentlichten Fallstudien macht zumindest Hoffnung. Wenn zusätzlich keine negativen Wirkungen auftreten, dann könnte das Gerät die Sterberate an Sepsis möglicherweise deutlich senken.