Herpesviren können Blutvergiftung auslösen

ndr.de Visite 28.04.2015

von Ulrich Neumann

Herpes an den Lippen kennen viele Menschen. Es entwickeln sich schmerzhafte kleine Bläschen. Aber das Herpes-Virus kann auch richtig gefährlich werden und bei einem geschwächten Immunsystem eine sogenannte Herpesviren-Sepsis auslösen. Eine Sepsis (Blutvergiftung) ist eine komplexe Entzündungsreaktion des Körpers auf eine Infektion mit Bakterien, Viren oder Pilzen. Normalerweise dämmt das Immunsystem solche Infektionen ein. Schafft es das nicht, können sich die Erreger über die Blutbahn im gesamten Körper ausbreiten.

Versagen des Immunsystems

Der Sepsis liegt also quasi ein Versagen des Immunsystems zugrunde. In einer überschießenden Reaktion werden große Mengen an Botenstoffen (unter anderem Interleukine, Interferone, Prostaglandine, Leukotriene) freigesetzt, die die Entzündungsreaktion im gesamten Körpers aufrechthalten, ohne dass sie dabei der Bekämpfung der Krankheitserreger nützten. Die Folge: Stoffwechselvorgänge geraten durcheinander und die Organe werden schließlich nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Herz-Kreislaufversagen, Nierenversagen, Blutgerinnungsstörungen und Lungenversagen können die Folge sein.

Im Rahmen einer intensivmedizinischen Therapie können die Organfunktionen zum Beispiel durch den Einsatz kreislaufunterstützender Medikamente, eine künstliche Beatmung oder den Einsatz von Nierenersatzverfahren (Dialyse) vorübergehend unterstützt oder ersetzt werden. Dennoch sterben 30 bis 50 Prozent der Erkrankten. Eine Sepsis ist ein Wettlauf mit der Zeit. Mit jeder Stunde, die verstreicht, ohne dass eine Therapie begonnen wird, verschlechtert sich die Prognose drastisch.

Blutreinigung entfernt entzündungsfördernde Botenstoffe

Es gibt neue wissenschaftliche Hinweise darauf, dass sich durch die Entfernung von entzündungsfördernden Botenstoffen aus dem Blut die Überreaktion des Immunsystems und der klinische Zustand von septischen Patienten mit Organversagen günstig beeinflussen lassen. Seit dem Jahr 2011 steht dazu ein spezielles Gerät zur Verfügung: ein sogenannter Zytokinabsorber (Cytosorb). Ähnlich wie bei einer Dialyse können damit Substanzen (insbesondere Zytokine), die eine Entzündung einleiten oder aufrechterhalten, im Rahmen einer Blutreinigung aus dem Blut entfernt werden.

Bislang ist diese Therapie nur an speziellen Zentren in Deutschland verfügbar. Die Erfahrungswerte sind aber durchweg positiv: Die Herz- und Kreislauffunktion der Betroffenen stabilisieren sich rasch. Bereits innerhalb von 12 bis 24 Stunden nach Beginn der Therapie sinken die Zytokinspiegel im Blut stark.

Dennoch sind nicht alle Fragen zu dieser Therapie abschließend geklärt. Möglicherweise beeinflusst die Blutwäsche nicht nur die Zytokinkonzentration im Blut, sondern auch die Konzentration anderer lebenswichtiger Botenstoffe sowie wichtiger Medikamente und Nährstoffe. Bis der Zytokinabsorber standardmäßig eingesetzt werden kann, müssen noch Studien durchgeführt werden.

Symptome bei einer Blutvergiftung

Fieber, Pulsrasen oder Verwirrtheit – verschiedene Symptome lassen auf eine Blutvergiftung schließen.Bildergalerie

Fieberthermometer © NDR

Interviewpartner im Beitrag:

Dr. Carlos Fritzsche
Facharzt Innere Medizin und Infektiologie
Oberarzt der Abteilung für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin
Zentrum für Innere Medizin, Universitätsmedizin Rostock
Ernst-Heydemann-Straße 6
18057 Rostock

Prof. Dr. Steffen Mitzner
Leiter der Sektion Nephrologie
Zentrum für Innere Medizin, Universitätsmedizin Rostock
Ernst-Heydemann-Straße 6
18057 Rostock
Tel. (0381) 494 77 31
Fax: (0381) 494 77 32
E-Mail: steffen.mitzner@med.uni-rostock.de

Prof. Dr. Tung Yu Tsui, FACS
Leiter Sektion Onkologische Chirurgie und Transplantation
Abteilung Allgemeine-, Thorax-, Gefäß- und Transplantationschirurgie
Chirurgische Klinik und Poliklinik
Universitätsmedizin Rostock
Schillingallee 35, 18057 Rostock
Tel. (0381) 494 60 08
Fax: (0381)494 60 02
E-Mail: tungyu.tuis@med.uni-rostock.de
Internet: allgemeinchirurgie.med.uni-rostock.de

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